Je suis charlie

Natürlich bin ich Charlie! Und das schließt Ahmed mit ein.

Je suis Charlie - seit dem Attentat auf Charlie Hebdo geht dieser Satz um die Welt, viral, mir mitten ins Herz. Ich bin Charlie, ich bin mit den Opfern des unfassbaren Überfalls auf das Satire-Magazin. Natürlich dauerte es nicht lange, bis irgendjemand sagen musste: “Ich bin nicht Charlie”. Klar – wenn nur genügend Menschen für irgendetwas sind, kommt zwangsläufig jemand der sagt “Nee, ich nicht, lass mal”.

Worüber ich mich aber ärgere ist der Hashtag #JeSuisAhmed. Damit soll dem von den Terroristen auf offener Straße ermodeten Polizisten Ahmed Merabet gedacht werden, einem bekennenden Muslim, der sich den Terroristen entgegengestellt hat und von ihnen erschossen wurde. Damit mich niemand falsch versteht: Ich habe den größten Respekt für Ahmed Merabet. Und sein Einsatz ist nicht hoch genug zu schätzen. Wogegen ich mich verwehre, ist die Exklusivität, mit der #JeSuisAhmed den Tod eines der Opfer des Terroranschlages besetzt. 

Worum geht es mir: #JeSuisCharlie bedeutet für mich, dass ich den Opfern des Terroranschlages in Paris gedenke. Es sind die Opfer, die bei dem Anschlag auf die Zeitschrift Charlie Hebdo ermordet wurden, es sind die Opfer aus dem jüdischen Kaufhauses. Das schließt für mich die Karikaturisten in der Redaktion genau so ein wie den Polizisten oder den Wachdienstmitarbeiter vor dem Gebäude.#JeSuisCharlie schließt für mich selbstverständlich das Opfer Ahmed Merabet ein. Alles andere währe doch Wahnsinn. #JeSuisAhmed aber schließt alle anderen Opfer aus.  Aber dieses eine Opfer herauszuheben, mit dem Hinweis, dass die Terroristen ja sogar einen Moslem ermordet haben, einen gläubigen, praktizierenden Moslem, und dieser Mensch ja mit seiner Arbeit diese westlichen Werte wie Rede- und Pressefreiheit verteidigt hat, das stört mich gewaltig. Überspitzt wohnt dem die Aussage inne, dass die Terroristen Ja!Sogar!Einen!Moslem!ermordet!haben! – so nach dem Motto: “Ok, das mit dem Anschlag auf Charlie Hebdo, das war nicht so ok, aber ich mein, die haben ja auch echt krasse Karikaturen über den Propheten gemacht. Die haben ja auch echt die Täter provoziert, muss man sich nicht wundern. Aber das die jetzt nen muslimischen Polizisten erschossen haben, das geht echt zu weit, da ist eine Grenze überschritten!” Aber das geht doch nicht, meine Güte. Unterschiede in der Wertigkeit der Opfer zu machen – damit macht man sich die Lesart der Täter zu eigen. Die Karikaturisten haben es ja verdient…

Je suis Charlie bedeutet auch nicht, dass man hinter den Karikaturen stehen muss. Es geht bei dem Anschlag in Paris nicht um die Karikaturen – das ist wieder die Lesart der Terroristen. Es geht bei darum, dass der Anschlag eine Attacke auf die Meinungs- und Pressefreiheit ist. Je suis Charlie bedeutet für mich, dass ich das größte Mitgefühl mit den Opfern habe – mit allen Opfern. Es bedeutet für mich auch ein Versprechen: nicht der Angst beizugeben, mich in Zukunft nicht selbst zu zensieren. Jede Karikatur, jeden Artikel und jede Aussage, die sich in unserem rechtlichen Ramen befindet, zu verteidigen. Ja, auch #JeSuisKouachi gehört dazu, ein seit heute häufig zu findender Hashtag der die Sympathie mit den Tätern ausdrücken soll, den Brüdern Kouachi. Finde ich das gut? Nein. Finde ich es verletzende, geschmacklos, böse? Ja, klar doch. Aber auch Idioten und Arschlöcher dürfen ihre “Meinung” öffentlich machen. Wie war das? Niemand hat das Recht, nicht beleidigt zu werden?

Und noch was: Wenn ich noch einmal höre, dass Charlie Hebdo oft islam- oder islamismuskritisch war, dann kotze ich im Strahl. Charlie Hebdo hat alle Religionen mit ätzender Satire bedacht. Der Zusammenhang “islamismuskritisch” und Anschlag legt nah, dass die Redaktion ja irgendwie vielleicht ein Stück selbst mit Schuld hat. Sie haben die mutmaslichen islamistischen Täter ja provoziert. Und das ist dann der erste Schritt zur Selbstzensur. Gleichzeitig wohnt der Denke auch schon der Keim des Rassismus inne – nach dem Motto: Die armen wilden Islamisten, die konnten nicht anders.

 

2 Gedanken zu „Natürlich bin ich Charlie! Und das schließt Ahmed mit ein.

  1. So ein Unsinn!
    In Zeiten von PEGIDA ist es natürlich legitim, hervorzuheben, dass auch und vor allem Muslime Opfer islamistischen Terrors sind. Außerdem vermisse ich die Erklärung, warum “JeSuisAhmed aber […] alle anderen Opfer aus[schließt]”.
    Und was ist das für eine Realitätsverleumdung, zu schreiben, die islamkritischen Karikaturen hätten nichts mit dem Anschlag zu tun gehabt?
    Alle Karikaturisten weltweit tun das Richtige, indem sie trotz des Anschlags weiter veröffentlichen. Aber diese sind sind sich sehr wohl bewusst, dass sie damit ein Risiko eingehen.

    1. Meiner Meinung nach schließt JeSuisAhmed die anderen Opfer aus, weil dieser Hashtag explizit den Namen eines einzelnen Opfers hervorhebt. Wohingegen JeSuisCharlie sich natürlich auf Charlie Hebdo bezieht – den Ort, wo der Anschlag überwiegend stattgefunden hat.
      Vielleicht auch noch zur Erklärung: Zu Argumentieren, dass der Anschlag eine direkte (logische) Folge auf die Karrikaturen war, das halte ich für problematisch. Denn sie sind nur eine der vielen Facetten der Meinungsfreiheit – ob mir oder jemand anderem das passt oder nicht. Und darum ist eben auch der Anschlag ein Anschlag auf die Meinungsfreiheit. Natürlich liegt es Nahe, dass die Attentäter wohl mit den Karikaturen als Grund/Auslöser für ihre Tat argumentieren würden, wenn sie noch lebten. Genau so wird ein misshandelnder Vater argumentieren, das Baby habe so laut geschrien – nur darum habe er es so geschüttelt. Ein Mangel an der Fähigkeit, seine Emotionen zu kontrollieren ist aber nicht die Schuld des Kindes. Darum habe ich geschrieben, dass es eben nicht um die Karikaturen bei dem Anschlag geht (dass sie als Grund/Rechtfertigung genommen werden, das will ich nicht abstreiten). Der Fehler liegt bei den Tätern, nicht bei den Opfern. Ein Karikaturist kann nicht anders als Karikaturen zu malen, die per Definition wohl nicht allen Menschen gefallen dürften.

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