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Das Ende des linearen Radios

Als Medienmensch, vor allem als einer, der viel für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk arbeitet, müssten mir das Radio eigentlich wichtig sein. Radionachrichten beispielsweise – wegen des Sendeauftrags und so, Wort/Musik-Verhältnis im Radio. Demokratie-erhaltende Informationspflicht der Bevölkerung und so. Aber wenn ich zu mir ehrlich bin, kann ich inzwischen ganz gut ohne die meisten Wellen auskommen. Damit dürfte ich kein Einzelfall sein: Dem Radio steht aber ein ähnlich großer Umbruch wie den Zeitungen bevor – und genau wie diese droht auch das Radio, davon überrumpelt zu werden. Inzwischen höre ich zuhause fast nur noch Internet-Radio – ohne Wortanteile. Radioparadies.com oder Spotify, Radio Swiss Classic – ganz selten mal, wenn ich Berlin vermisse, dann schalt ich auch in den Radio Eins Stream – der geht mir aber dann doch ganz schnell wieder auf die Nerven. Leute in meinem Alter, die sich selbst ganz toll finden – das ertrage ich nur kurz. Gute Musik hingegen, die kann ich stundenlang hören. Vor allem gute Musik, die ich selbst noch nicht kenne. Nachrichten hingegen sind fast genau so alt wie die in einer Tageszeitung – noch dazu viel weniger hintergründig. “Merkel ist auf dem G20. Da hat sie mit Putin gesprochen. In der G20 sind die 20 führenden Industrienationen”. Vielen Dank – aber dass Merkel da ist und mit Putin sprechen wird, das hab ich schon am Vorabend im Netz gelesen. Und was die G20 sind, das muss man wohl im Radio dazu sagen, kann ja sein, dass jemand das nicht kennt, aber mich nerven für mich redundante oder überflüssige Informationen.

Das Radio sei das schnellste der klassischen Medien – ok, das mag sein. Und doch – was ich in der Regel höre, sind Informationen, die gut abgehangen schon durch diverse Redaktionen getragen wurden, nun bei mir aus den Boxen tropfen. Wer auf einer längeren Autofahrt mal Indoradio für länger als eine halbe Stunde gehört hat, der weiß, was ich meine. Nach 90 Minuten spätestens wird das Programm zur Chinesischen Wasserfolter. Die immer gleichen Informationen, wieder und wieder und wieder und wieder und wieder. OK, danke, aber nein.

Musik! Ja, die gibt es auch im Radio. Manchmal sogar gute (das muss ich Euch geben, Radio Eins), bei vielen Programmen auch einfach nur sehr viel Musik (Hallo KissFM!!). Aber selbst in Berlin habe ich vielleicht 30 Radiostationen zur Auswahl, die alle einen vergleichsweise breiten Geschmack bedienen wollen. Und da bin ich dann wieder beim Internet. Radio Paradise beispielsweise, aus Kalifornien (und nicht zu verwechseln mit Radio Paradiso), hat weltweit vielleicht 40.000 Zuhörer. 7 von 10 Liedern, die gespielt werden, treffen genau meinen Geschmack. 4 dieser 7 Lieder sind für mich neu. Und die drei, die nicht meinen Geschmack treffen, sind oft zumindest auf irgend eine Art interessant. Radio Paradise bedient nicht eine Hörerschaft, die Hörerschaft folgt dem Master of Ceremony in Kalifornien. Wem das nicht passt, der soll sich gehackt legen. Wem es gefällt, wie mir, der darf mal ab und an ein paar Dollar spenden.

Und das ist im Vergleich zu Spotify und Konsorten noch ganz schön oldschool. Auf Spotify ist mein MC ein clever programmierter Algorithmus. Der kennt mich inzwischen besser, als ich mich selbst. Da ist die Trefferquote bei mehr als 9 von 10 Liedern. Und viele davon kenne ich auch nicht.

Mein Punkt: Für Musik brauche ich kein Radio, das bekomme ich im Netz besser, besser auf mich zugeschnitten, weniger allgemeintauglich abgeschliffen.

Für Informationen brauche ich kein Radio, die bekomme ich auch im Netz besser, schneller, direkter. Vor allem nicht ständig wiederholt.

Wenn ich Leute in meinem Alter über sich selbst reden hören möchte, dann geh ich in ne Kneipe.

Das große Argument des Nebenbei-Mediums: Ja klar, wenn ich im Auto sitze, dan hab ich auch das Radio laufen. Aber wie lange wird das noch nötig sein? In drei bis fünf Jahren wird doch jeder Neuwagen mit ner Datenkarte ausgestattet sein. Wenn die Volumenpakete mir nicht zu teuer wären, würde ich schon jetzt im Auto nur streamen. Manchmal, bei Bundesligaspielen oder so, da pack ich mir per Bluetooth Sport 1 auf die Boxen. Würd ich am liebsten ständig machen. Hier muss den Radio-Machern doch klar sein: Wenn tragbares Internet so günstig wird wie das Telefonieren schon jetzt ist, dann gibt es keine schleichende Revolution. Dann rutscht eine Lawine von Internet-Radio/Spotify (bzw. Google Play Music, die haben ja gerade Spotify getötet. Auch wenn das noch nicht jeder gemerkt hat) den Berg hinunter, unter der ganz viele Stationen begraben werden. Schon jetzt wird Spotify bei der Telekom nicht auf die Daten angerechnet – so etwas wird in zwei Jahren wahrscheinlich Standard sein – bei allen Anbietern. Und dann ist das lineare Radio genau so ein Auslaufmodell wie die Tageszeitungen. Dann beginnt genau so langsam, dann immer schneller, das Sterben des Privatradios. Mit genau so viel Jammern und Zähnegeklapper. Dann wird lineares Radio genau wie die Zeitung jetzt ein Ü40-Medium. Klar, es ist immer noch einfacher, einfach ein Radio einzuschalten als ne Zeitung zu abonnieren. Und doch – mein Samsung Galaxy S2 vor 4 Jahren, das hatte noch einen eingebauten FM-Empfänger. Mein Nexus 5 von LG nicht. Das hat sich LG aus Kostengründen gespart. Brauchen die Nutzer eh nicht.

Jetzt ist es relativ einfach, ein lineares Radioprogramm nicht nur per FM oder DAB+ hinauszuschießen, sondern auch als Stream ins Netz zu stellen. Aber mehr als das machen die Radioanbieter eben auch nicht. Keine Personalisierung, kein Algorithmus, der meinen Geschmack analysiert und die Musik anpasst. Keine schnellen neuen Nachrichten, sondern sklavisch das Abfeiern der Sendeuhr. Bewertung, Feedback? In der Regel Fehlanzeige.

Vielleicht ist mein Abgesang ja auch verfrüht, denn das, was fehlt, das was ich an den Alternativen zum linearen, klassischen Radio so mag, das wäre eigentlich mit relativ wenig Aufwand auch im bisherigen Radio ganz einfach umzusetzen. Ich fürchte nur, dass der Markt dann, wenn beispielsweise auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk aufwacht, schon von Google, Spotify oder welchen Diensten auch immer besetzt ist. Die haben dann mehr Erfahrung, vor allem einen riesigen Datenstamm, der ihre Algorithmen so viel besser macht.

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