Fernbus-Blues

Eine Fahrt von Schwerin nach Berlin kostet 11 Euro, dreimal mal am Tag fährt der Bus. Spätestens um 8:34 scharren die ersten jungen Alten an der Haltestelle mit den Füßen – in einer Minute soll Abfahrt sein, der Bus ist aber noch nicht da. Telefone werden gezückt und die erwachsenen Kinder angerufen – die sollen, obwohl wahrscheinlich gerade auf dem Weg zur Arbeit, doch bitte jetzt, genau jetzt überprüfen, ob mit der Buchung alles richtig gelaufen ist. Auch alle Informationen dazu sorgsam ausgedruckt auf einem DIN A 4 Blatt stehen. Das wird im Anschluss studiert, wobei sich lautstark mit dem Partner darüber ausgetauscht und gegenseitig versichert wird, dass eigentlich alles OK ist.
Der Bus kommt und muss scharf bremsen, weil die Best-Ager fast vom Bordsteinrand der Haltestelle auf die Straße kippen, so begierig sind sie darauf, den Bus zu besteigen.

Der Busfahrer ist immer jovial. Selbst wenn er schlecht gelaunt ist – dann wird er halt zusätzlich noch unverschämt. Er wuchtet Koffer mit genau so viel Liebe in das Staufach wie ein Lufthansa-Cargo-Mitarbeiter – und hindert gleichzeitig die ersten Fahrgäste daran, in den Bus zusteigen. Er ist der Herr der Tickets, jeder muss einen ausgedruckten oder auf dem Handy aufgerufenen QR-Code vorzeigen. Eigentlich auch noch einen Ausweis – aber weil das bei den jungen Alten zum stundenlangen Rühren in diversen Handtaschen und Jutebeuteln führen würde, verzichtet er darauf.

Zwei Minuten nach Abfahrt: Eine knödelnde Sprecherstimme vom Band – welches schon lange kein Band mehr ist , da Chip – erinnert die Gäste an die Pflicht, sich anzuschnallen. Was bei der Hälfte aller Fahrgäste dazu führt, dass sie den Gurt des Sitznachbarn greifen und dann verzweifelt nach dem Gurtschloss suchen.

Nach den Gurten kommt die Werbung – Snacks, Kaffes, Snacks.

Und gerade, als alles vorbei zu sein scheint – die ganze Soße noch einmal auf Englisch.

Wifi soll es geben – im Klartext bedeutet das, ich kann mich mit meinem Handy in ein W-LAN einwählen und bin dann ganz sicher, dass kein einziges Byte zu mir übertragen wird. W-Lan, wtf.

Inzwischen auf der Autobahn – jetzt kommen die Gerüche. Die Pausenbrote werden ausgepackt, die Snacktüten aufgerissen, Der Duft von Zwiebelmett mischt sich mit Haribo. Munter unterhalten sich die Mampfer mit Kaffee-Schlürfern. Eine Reise, die ist lustig….

Schlaf ist die einzige Rettung.

Das Klicken eines Foto-Handys verhindert nach spätestens einer halben Stunde auch das. Fotos aus einem Fahrenden Bus. Auf graue Mecklenburger Felder. Mit einer 5-Megapixel-Kamera eines vier Jahre alten Handys. Und Blitz-LED. Wer geschlafen hat, öffnet jetzt die Augen. Den Blick in den Mittelgang, überall stürzen Linien auf einen Fluchtpunkt zu. Den Gang hinunter, die Fächerfront über den Sitzen, durch die Windschutzscheibe, links und rechts die Leitplanken, Straßenmarkierungen. Alles auf den Fluchtpunkt da vorn, weit vorn, irgendwo dort, wo das Ziel liegt, die Stadt, Berlin, Erlösung.

ZOB – Zentraler Omnibus Bahnhof. Gelbe, grüne, blaue Busse. Absage und Dank des Busfahrers, mit Wetterbericht. Draußen seien 14 Grad, eines mehr als im Radio gesagt, die Medien lügen mal wieder. Noch mal Danke für die Fart. Die Hälfte der Passagiere klatscht.

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