sulaymaniyah-kalar

Abflug Sulaymaniyah

Ich sitze im Wartebereich des Flughafens München, Terminal 1, Bereich 5C. In einer Stunde hebt das Flugzeug in Richtung Sulaymaniyah ab – auf Facebook hat es dafür schon einige Likes gegeben, gepaart mit “Pass auf Dich auf”-Aufrufen. Ein wenig schmeichelt es, dass viele meiner Freunde glauben, ich würde jetzt in den gefährlichen Irak fliegen. Dabei ist die kurdische Autonomieregion um Sulaymaniyah und Erbil absolut sicher. Aber Irak, das klingt natürlich nach Abenteuer, Gefahr, Bombenanschlägen uns IS. Darum kann ich auch meinen Eltern nicht bescheid sagen – die würden sich nur sorgen. Zumal ich mit einem Freund fliege, der auch noch Osama heist. Und klar, natürlich ist die Reise auch ein kleines Abenteuer für mich. Wann kommt man schon mal in den Irak?
Ein Anruf von drei Wochen: “Hey, hier ist Osama, ich fliege in den Irak, kommst Du mit?” Osama ist ein alter Freund von mir, irakischer Kurde, seit 15 Jahren in Deutschland. Er ist genau wie ich 35 Jahre alt, ich habe in mal per Mitfahrgelegenheit mitgenommen, wir haben uns angefreundet. Er hat immer gesagt, dass wir mal zusammen in den Irak fahren, ich hab immer “ja klar” gesagt. Wie man halt so “ja klar” sagt. Heute also wird aus dem “ja klar” Realität.
Was mich erwartet? Ich lasse mich überraschen. Ich bin in Osamas Familie embedded. Familie bei den Kurden, das sind dann schnell zwei, dreihundert Leute. Von Hamam über Basar bis hin zu “bisschen Front gucken” ist alles drin – ein paar Kontakte habe ich auch selbst mitgebracht. Der Onkel meines Barbiers in Schwerin zum Beispiel, das ist der Sicherheitschef von Sulaymaniah – ich hab jetzt seine Handynummer und bin angekündigt.

TheJudge2014

Nicht ohne meinen Vater – Filmkritik “The Judge”

The Judge macht vieles richtig. Da sind die Schauspieler: ein greiser Robert Duvall, ein Robert Downey jr., der das jr. schon lange nicht mehr im Gesicht trägt, ein ziemlich fetter Marc Ruffalo, der sich inzwischen zu einem tollen Schauspieler gewandelt hat.
Da ist die Story: der hochherzige Superanwalt, der seinen verhärmten Vater verteidigen muss, sich dafür auch mit seinem Heimatkaff, seinen weniger erfolgreichen Brüdern und seiner Jugendliebe auseinandersetzen muss. Da ist die Kameraarbeit: unaufgeregt, viel Drohnen- und Kraneinsatz, lange Einstellungen.
Und selbst das Product Placement für einen Ford-SUV bleibt knapp unter der Penetranzgrenze. Nicht ohne meinen Vater – Filmkritik “The Judge” weiterlesen

MVGida

Life-Hack Schwerin – lokale Pegida-Demo wirbt für Nazi-Aussteigerprogram

Ja, auch Mecklenburg-Vorpommern bleibt nicht von Pegida verschont. Und hier nach den ersten drei Wochen MVGida, ROgida und wie sie alle heißen (was sagt eigentlich der DeHoGa?) relativ klar: Da sind wenig Menschen dabei, die einfach nur unzufrieden sind und ein Ventil suchen, da sind vor allem Nazis dabei. Udo Pasteurs von der NPD, der in Schwerin auch im Landtag sitzt, reibt sich die Hände.
Gestern also wieder eine Demo in Schwerin, MVGida hatte aufgerufen. Und einige der rund 300 Demonstranten hatten ein Schild in der Hand, mit der Flagge von Mecklenburg-Vorpommern und dem Schriftzug “a href=”http://www.mvgida.de/”MVGIDA.DE/a” Was den Pegidisten nicht klar war: Die, von denen sie das Schild bekommen hatten, sind nicht unbedingt auf der Seite von MVGida. Denn die Seite MVGida bewirbt ein Nazi-Aussteigerprogramm. :-)
Hat was, so ein Life-Hack.

Je suis charlie

Natürlich bin ich Charlie! Und das schließt Ahmed mit ein.

Je suis Charlie - seit dem Attentat auf Charlie Hebdo geht dieser Satz um die Welt, viral, mir mitten ins Herz. Ich bin Charlie, ich bin mit den Opfern des unfassbaren Überfalls auf das Satire-Magazin. Natürlich dauerte es nicht lange, bis irgendjemand sagen musste: “Ich bin nicht Charlie”. Klar – wenn nur genügend Menschen für irgendetwas sind, kommt zwangsläufig jemand der sagt “Nee, ich nicht, lass mal”.

Worüber ich mich aber ärgere ist der Hashtag #JeSuisAhmed. Damit soll dem von den Terroristen auf offener Straße ermodeten Polizisten Ahmed Merabet gedacht werden, einem bekennenden Muslim, der sich den Terroristen entgegengestellt hat und von ihnen erschossen wurde. Damit mich niemand falsch versteht: Ich habe den größten Respekt für Ahmed Merabet. Und sein Einsatz ist nicht hoch genug zu schätzen. Wogegen ich mich verwehre, ist die Exklusivität, mit der #JeSuisAhmed den Tod eines der Opfer des Terroranschlages besetzt.  Natürlich bin ich Charlie! Und das schließt Ahmed mit ein. weiterlesen

interview

“The Interview” – ich als Diktator würde gelassen reagieren

Ja, es ist möglich, “The Interview” inzwischen zu sehen. Derzeit braucht man in Deutschland aber einen VPN-Anbieter für eine US-IP, eine amerikanische (prepaid)-Kreditkarte und ein Konto bei Google Play oder Youtube – für 5,99$ kann man sich den “Spass” dann geben – hätt ich es mal gelassen.

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dfb

Shitstorm-Generator: Der DFB freut sich über Siege unterm Hakenkreuz

Dieser Tweet, vom DFB vor drei Stunden rausgehauen, wird dem Deutschen Fußballbund noch viel Freude bereite, schätze ich mal.

Der Leitsatz “irgendwas mit Hitler klickt immer” kann auch auf Twitter übertragen werden. Genau wie der Leitsatz “Content-controlling hört nicht bei Twitter auf”. Oder der: “Die eigene Nazi-Vergangenheit immer kritisch beleuchten”. Oder “Wenn irgendwo Hakenkreuze zu sehen sind, dann besser nicht posten”. Ich mein echt – wahrscheinlich hat der Azubi des Twitter-Azubis beim DFB sich nix dabei gedacht, 100 Siege heil, das ist ja mal ne schöne Zahl, raus damit. Und das Hakenkreuz da auf der Brust, naja, das ist ja auch schon alles ganz schön lange her. So, durch den sich jetzt abzeichnenden Shitstorm muss der DFB jetzt aber leider durch. Ich finde es ehrlich gesagt immer faszinierend, wie so große Institutionen oft so wenig mitdenken.

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Das Ende des linearen Radios

Als Medienmensch, vor allem als einer, der viel für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk arbeitet, müssten mir das Radio eigentlich wichtig sein. Radionachrichten beispielsweise – wegen des Sendeauftrags und so, Wort/Musik-Verhältnis im Radio. Demokratie-erhaltende Informationspflicht der Bevölkerung und so. Aber wenn ich zu mir ehrlich bin, kann ich inzwischen ganz gut ohne die meisten Wellen auskommen. Damit dürfte ich kein Einzelfall sein: Dem Radio steht aber ein ähnlich großer Umbruch wie den Zeitungen bevor – und genau wie diese droht auch das Radio, davon überrumpelt zu werden.  Das Ende des linearen Radios weiterlesen

Fernbus-Blues

Eine Fahrt von Schwerin nach Berlin kostet 11 Euro, dreimal mal am Tag fährt der Bus. Spätestens um 8:34 scharren die ersten jungen Alten an der Haltestelle mit den Füßen – in einer Minute soll Abfahrt sein, der Bus ist aber noch nicht da. Telefone werden gezückt und die erwachsenen Kinder angerufen – die sollen, obwohl wahrscheinlich gerade auf dem Weg zur Arbeit, doch bitte jetzt, genau jetzt überprüfen, ob mit der Buchung alles richtig gelaufen ist. Auch alle Informationen dazu sorgsam ausgedruckt auf einem DIN A 4 Blatt stehen. Das wird im Anschluss studiert, wobei sich lautstark mit dem Partner darüber ausgetauscht und gegenseitig versichert wird, dass eigentlich alles OK ist.
Der Bus kommt und muss scharf bremsen, weil die Best-Ager fast vom Bordsteinrand der Haltestelle auf die Straße kippen, so begierig sind sie darauf, den Bus zu besteigen. Fernbus-Blues weiterlesen